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Wer war Emanuel Swedenborg?

1. Stimmen über Swedenborg

Emanuel Swedenborg (1688–1772) gehört zu denjenigen Persönlichkeiten, über welche die Menschheit auch Jahrhunderte nach ihrem Tod noch nicht zu einem abschließenden Urteil gekommen ist. Goethe sah in ihm den »gewürdigten Seher unserer Zeiten«[1]. Dem steht seit eh und je das Wort Kants gegenüber, nach dem »Herr Schwedenberg« »der Erzphantast unter allen Phantasten« sei und sein Werk »acht Quartbände voll Unsinn« enthalte.[2] Aufgrund seiner Visionen der geistigen Welt hat man den schwedischen »Fürsten unter den Jenseitskundigen«[3] immer auch für geisteskrank erklärt. Der Direktor der Nervenklinik der Charité Berlin beispielsweise, Karl Leonhardt, bescheinigte dem Geisterseher eine »konfabulatorisch-phonemische Paraphrenie«[4]. Unsere Zeit kennt für Visionen nur psychopathologische Kategorien. Doch Swedenborg hat die Geistesgeschichte dennoch oft ohne, dass sein Name genannt wurde, nachhaltig beeinflusst, und gelegentlich hat der eine oder andere seinem Erstaunen über Swedenborg offen Ausdruck verliehen. So bekannte beispielsweise Anton von Webern gegenüber Arnold Schönberg: »Ich lese jetzt Swedenborg. Mir vergeht der Atem dabei. Das ist unerhört. Ich habe Kolossales erwartet, aber es ist noch mehr.«[5] Und Carl Gustav Jung schrieb: »Ich bewundere Swedenborg als einen großen Wissenschafter und als großen Mystiker zugleich. Sein Leben und sein Werk sind für mich immer von großem Interesse gewesen, und ich habe etwa sieben dicke Bände seiner Schriften gelesen, als ich Medizinstudent war.«[6] Die Urteile ließen sich vermehren. Jüngst hat sich der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2008, Jean Marie Gustave Le Clézio, in die Reihe derer eingefügt, die Swedenborg würdigten, indem er ihn in seiner Nobelvorlesung erwähnte und – wie man hört – ein Schauspiel über Swedenborg und Kant schreiben will. Doch all diese Stimmen können die eigene Urteilsbildung nicht ersetzen. Machen Sie sich also selbst auf den Weg in die Welt Swedenborgs!

2. Leben und Publikationen

2.1. Wir wollen ihn Emanuel nennen, Gott-mit-uns

Bei seiner Geburt soll sein frommer Vater zu den Sternen aufgeschaut und ausgerufen haben: »Wir wollen ihn Emanuel nennen!«, was Gott-mit-uns bedeutet, während seine Mutter die Skala der Waage betrachtete, um zu sehen, wieviel das Baby wog. Diese Anekdote charakterisiert Emanuel Swedenborg als einen Menschen, in dem sich wissenschaftliche Nüchternheit und spirituelle Schau glücklich verbinden sollten. Der Sohn von Jesper Swedberg und Sara Behm wurde nach dem Julianischen Kalender am 29. Januar 1688 in Stockholm geboren. Nach dem heute gültigen Gregorianischen Kalender wäre das ein 9. Februar gewesen. Da die Familie 1719 geadelt wurde, ging Swedbergs Sohn als Swedenborg in das Gedächtnis der Menschheit ein.

Jesper Swedberg war Pietist und geisselte als solcher den blossen Hirnglauben der lutherischen Orthodoxie. Als Emanuel geboren wurde, war sein Vater Kaplan in Stockholm am Hof Karls XI. Doch schon 1692 musste die Familie nach Uppsala umziehen, weil Jesper von seinem König an die dortige Universität zum Professor der Theologie berufen wurde. Zwei Jahre später wurde er zudem mit dem Amt des Dekans der Kathedrale von Uppsala betraut. Swedenborg erinnert sich Jahrzehnte später an seine Kindheit in diesem akademisch-pietistischen Umfeld: »Von meinem vierten bis zu meinem zehnten Lebensjahr war ich ständig mit Gedanken an Gott, das Heil und die geistigen Leiden der Menschen beschäftigt … Von meinem sechsten bis zu meinem zwölften Jahr bestand mein Vergnügen darin, mich mit Geistlichen über den Glauben zu besprechen.«[7]

1699 schrieb sich Swedenborg in die Universität von Uppsala ein. Seine Mutter war bereits 1696 gestorben und sein Vater siedelte 1703 mit seiner zweiten Frau, Sara Bergia, nach Brunsbo über, weil er zum Bischof von Skara ernannt worden war. Und so wurde der junge Student in die Obhut des Universitätsbibliothekars Erik Benzelius gegeben, der mit Swedenborgs Schwester Anna verheiratet war. Benzelius war ein begeisterter Cartesianer. Durch ihn öffnete sich für Swedenborg die Welt der Wissenschaften so nachhaltig, dass er ihn »wie einen Vater« liebte und verehrte.[8] Lange rang er mit der Spannung zwischen der wissenschaftlichen Betrachtungsweise, in die ihn sein zweiter Vater eingeführt, und dem Glaubensgehorsam, den ihm sein leiblicher Vater eingepflanzt hatte.

1709 schloss Swedenborg seine Studien ab und brach im darauf folgenden Jahr zu einer Bildungsreise auf. An Bord eines Segelschiffes fuhr er nach England, wobei sein Leben mehrmals ernsthaft in Gefahr war. Den Höhepunkt erreichte die abenteuerliche Überfahrt, als das Schiff im Hafen von London anlegte und wegen der in Schweden ausgebrochenen Pest unter Quarantäne gestellt wurde. Der junge Swedenborg nahm jedoch die Einladung schwedischer Freunde an, in ihr Boot zu steigen und an Land zu gehen. Dort wurde er sofort verhaftet und wäre um ein Haar gehenkt worden. Nur dank der mitgeführten Empfehlungsschreiben und der Intervention einflussreicher Freunde entging er dem Tod durch den Strang. Dieser Zwischenfall trägt zum Verständnis der Christusvision von 1744 bei, in der Christus ihn fragte, ob er einen Gesundheitspass habe.

London war ein Zentrum der Wissenschaft. Swedenborg mietete sich bei verschiedenen Handwerkern ein und lebte so nicht nur billiger als in den üblichen Studentenwohnungen, sondern nutzte auch die Gelegenheit, das Handwerk seiner jeweiligen Gastgeber zu lernen. Täglich las er in den Schriften Isaac Newtons und suchte in den Kaffeehäusern die Gesellschaft junger Wissenschafter und Mathematiker. Von London ging er nach Greenwich, wo er den Direktor des königlichen Observatoriums, John Flamsteed, aufsuchte und sogar Assistent des nicht sehr zugänglichen Mannes werden konnte. In Oxford lernte er Sir Edmund Halley kennen und weilte in der Bibliotheca Bodleiana. Weitere Stationen waren Leyden, wo er den Erfinder des Mikroskops, Anton van Leeuwenhoeck, besuchte, Utrecht und Paris. Bei seiner Rückreise nach Schweden legte er eine mehrmonatige Pause in Rostock ein, um seine poetischen Versuche zum Druck vorzubereiten und vierzehn Erfindungen auszuarbeiten. Im Juli 1715 war er wieder in Brunsbo. Doch sollten im Laufe seines langen Lebens noch zehn weitere, meist mehrjährige Auslandsreisen folgen.

2.2. Bergrat, Naturphilosoph und Staatsmann

Nach Jahren im Ausland kehrte 1715 ein von den aufblühenden Wissenschaften begeisterter junger Mann in seine Heimat zurück. Doch von seinen hochfliegenden Träumen erfüllte sich nur einer. Er gründete Schwedens erste wissenschaftliche Zeitschrift und nannte sie »Daedalus Hyperboreus«, nach dem griechischen Erfinder, der als erster Mensch geflogen sein soll. Swedenborgs berufliche Laufbahn begann als Assistent von Christopher Polhem, der Schwedens führender Ingenieur war. Nachdem Polhem vom König den Auftrag erhalten hatte, ein Trockendock zu bauen, kam es in Lund zu einer folgenreichen Begegnung zwischen Karl XII. und Polhems neuen Assistenten. Der König bewunderte Swedenborg als Herausgeber des »Daedalus Hyperboreus« und dieser wird später, in den Diensten Karls XII. stehend, seine Ingenieurskunst bei grossen Schleusenbauten und beim Transport von Kriegsschiffen 25 km weit durch bergiges Gelände unter Beweis stellen. Der König ernannte Swedenborg 1716 zum ausserordentlichen Assessor der Bergbaubehörde, die die Geschicke des bedeutendsten Industriezweigs Schwedens bestimmte.

Nach dem Tod Karls XII. wurde Ulrika Eleonore 1719 zur schwedischen Königin gekrönt und adelte noch im selben Jahr die Familien der schwedischen Bischöfe. Swedberg konnte sich fortan Emanuel Swedenborg nennen und wurde als ältester Sohn seiner Familie Mitglied des Ritterhauses, eines der vier Häuser des Reichstags, der zusammen mit der Königin das Land regierte. Der Staatsmann Swedenborg verfasste eine Reihe von Denkschriften. Graf Anders J. von Höpken urteilte später: »Die gründlichsten und am besten geschriebenen Denkschriften, welche auf dem Reichstag von 1761 in Finanzsachen vorgelegt wurden, waren die von ihm.«[9]

Die »Opera philosophica et mineralia«, 1734 in drei Bänden erschienen, bilden die reife Frucht der gelehrten Arbeit vieler Jahre. Die Bände tragen die folgenden Titel: 1. »Die Grundlagen der Natur« (Principia rerum naturalium), 2. »Über Eisen und Stahl« und 3. »Über Kupfer und Bronze«. Swedenborg denkt hier noch ganz mathematisch und mechanistisch. Im ersten Band befasst er sich mit Kosmologie, entwickelt eine Nebularhypothese und eine bemerkenswerte Atomtheorie, wobei er alles in einen theologischen Zusammenhang bringt. Die »Opera philosophica et mineralia« wurden in der gelehrten Welt gepriesen. In den »Acta Eruditorum« erschien eine anerkennende Besprechung. Swedenborg galt von nun an als einer der führenden europäischen Gelehrten.

2.3. Auf der Suche nach der Seele und die Berufung

Nach der Veröffentlichung der philosophischen und mineralogischen Werke wandte sich Emanuel Swedenborg einem anderen Thema zu: der Suche nach der Seele. Sie beschäftigte viele Philosophen seiner Zeit. Doch der schwedische Gelehrte wählte einen besonderen Weg. Denn er erforschte den menschlichen Organismus, weil dieser das empirisch zugängliche Reich der Seele ist. Die Früchte dieser Bemühungen waren die mehrbändigen Werke »Oeconomia regni animalis« 1740 und 1741 und »Regnum animale« 1744 und 1745, das er jedoch nicht mehr vollenden konnte, weil inzwischen eine unerwartete Wende eingetreten war.

Schon seit seiner Kindheit unterstützte Swedenborg die gedankliche Konzentration durch die Atemtechnik der Hypoventilation.[10] Und so überrascht es nicht, dass er bereits mehrere Jahre vor der Öffnung seiner geistigen Augen von inneren Lichterscheinungen berichtet, die ihm die Gewisstheit gaben, richtige Gedanken zu denken: »… da ist ein erheiterndes Licht, ein beglückender, bestätigender Blitz … Ich weiss nicht, woher das kommt, es ist ein geheimnisvoller Strahl, der die heilige Stätte des Gehirns ergreift …«[11] Neben diesen ersten Erlebnissen innerer Klarheit analysierte er seit 1736 auch seine Träume. Doch die Bedeutung dieser Vorboten der Erleuchtung erkannte er erst im nachhinein.

Entscheidend waren schliesslich zwei Visionen. Durch sie wurde der Naturforscher zum Seher. Im April 1744 - Swedenborg befand sich gerade in Delft - erlebte er nach inneren Kämpfen seine erste Christusvision. In den Aufzeichnungen lesen wir: »… es war ein Angesicht mit einem solchen Ausdruck von Heiligkeit und allem, was nicht beschrieben werden kann … Er sprach zu mir und fragte, ob ich einen Gesundheitspass hätte. Ich antwortete: »Herr, das weisst Du besser als ich!« »Nun, so tue es!«, sagte Er.«[12] In seiner Jugend wäre er beinahe gehängt worden, weil er als Quarantänebrecher die Pest in England hätte einführen können. Nun soll er in die geistige Welt eingeführt werden und dort nicht die viel schlimmere Pest der Sünde einschleppen. In den folgenden Monaten verfasste er »De Cultu et Amore Dei«, eine poetische Paraphrase der biblischen Schöpfungsgeschichte.

Im April 1745 erreichte die Vorbereitung auf das neue Amt in London mit der Berufungsvision ihr Ziel. Der geschulte Geist Swedenborgs sollte fortan den geistigen Sinn der heiligen Schrift auslegen und auf Grund von Gehörtem und Gesehenem die seelischen Zustände und Welten des Himmels und der Hölle rational fasslich beschreiben. Das Geschehen in London muss aus zwei Andeutungen Swedenborgs, einem Bericht von Carl Robsahm und einem Brief von Dr. Gabriel Beyer aus dem Jahr 1776 rekonstruiert werden. Die damit verbundenen Probleme können hier nicht dargestellt werden. Dr. Beyer schrieb: »Die Erzählung von der persönlichen Offenbarung des Herrn vor dem Assessor, der ihn in Purpur und majestätischem Schein in der Nähe des Bettes sitzen sah, während er dem Assessor Seine Aufträge gab, habe ich aus dessen eigenem Mund beim Mittagessen bei Dr. Rosén gehört, wo ich den Alten zum ersten Male sah. Ich entsinne mich, dass ich ihn fragte, wie lange es gedauert habe, worauf er antwortete: ungefähr eine Viertelstunde. Dann fragte ich ihn, ob nicht der starke Schein seinen Augen weh getan habe?, was er verneinte.«[13]

2.4. Der Buddha des Nordens

Nach der Rückkehr aus London 1745 bezog Swedenborg sein neues Anwesen an der Hornsgatan in Stockholm. Hier wohnte nun bis zu seinem Tod der Mann, von dem Honoré de Balzac meinte: »Swedenborg wird vielleicht der Buddha des Nordens werden.«[14] Vom Wohnsitz des Sehers hat nur das berühmte Sommerhaus die Zeiten überdauert. Es steht heute im Freilichtmuseum Skansen und macht die Besucher mit einem Gedicht des schwedischen Lyrikers Hjalmar Gullberg auf seine einstige hohe Bestimmung aufmerksam:

»Ich bin ein Lusthaus, an dem man vorübergeht.
Einst stand ich auf Söder in meines Herrn Garten.
Seine Engel erfüllten mich mit Harmonien.
Der Geisterwelt beliebte es, in meinen Räumen zu weilen.
Einem mächtigen Forscher und grossen Propheten
diente mein einfaches Haus als Heimat.
In mir sah er des Himmels Herrlichkeiten.
Und hier verkündete er ein neues Jerusalem.
Die Geister sind entschwunden, doch war ich das Gefäss.
Nun bin ich meiner Einsamkeit überlassen.
Damals war ich erfüllt von Harfe und Zimbeln,
als es Gott gefiel, Swedenborg zu besuchen.«

Von den Vorkommnissen, die Swedenborgs aussersinnliche Sehergabe belegen, erregte die Schilderung des Brandes in Stockholm das grösste Aufsehen. Immanuel Kant schrieb an Fräulein von Knobloch: »Die folgende Begebenheit aber scheint mir unter allen die grösste Beweiskraft zu haben und benimmt wirklich allem erdenklichen Zweifel die Ausflucht.«[15] Am Abend des 19. Juli 1759 war Emanuel Swedenborg bei William Castel in Göteborg zu Gast. Während des Essens wurde er plötzlich unruhig, ging oft hinaus und erzählte den Gästen, dass in Stockholm – 400 Kilometer von Göteborg entfernt – ein Feuer ausgebrochen sei und sehr um sich greife. Das Haus eines seiner Freunde liege schon in Asche und sein eigenes sei in Gefahr. Doch schliesslich konnte er erleichtert berichten, dass der Brand drei Türen vor seinem Haus gelöscht worden sei. Wenige Tage später erreichte die Nachricht auch auf dem normalen Weg Göteborg und stimmte mit den paranormalen Schilderungen völlig überein.

Wichtiger ist jedoch Swedenborgs religiöses Werk. Es wurde in die wichtigsten Weltsprachen übersetzt und ist eine himmlische Schatzkammer. Hinter der nüchternen Sprache verbergen sich funkelnde Edelsteine aus der geistigen Welt. »Die himmlischen Geheimnisse« enthalten eine symbolische Auslegung der ersten beiden Bücher der Bibel. »Himmel und Hölle« begründete Swedenborgs Ruf als Seher jenseitiger Welten. »Die göttliche Liebe und Weisheit« und »Die göttliche Vorsehung« fassen die Weisheit der Engel über die Schöpfung und die Schicksalsgesetze zusammen. Helen Keller schrieb: Swedenborgs »göttliche Liebe und Weisheit ist ein Lebensquell, dem nahe zu sein ich stets glücklich bin.«[16] »Die enthüllte Offenbarung« ist eine Auslegung der Johannesapokalypse. Dieses Buch mit den sieben Siegeln hätte Martin Luther am liebsten aus dem Neuen Testament ausgeschieden. Doch nach Swedenborgs »Apocalypsis revelata« handelt es von geistigen Kämpfen, die nach einer Zeit der Glaubenslosigkeit zu einer neuen Licht- und Lebenslehre führen werden. »Die eheliche Liebe« ist eine himmlische Theologie der Ehe, die das Wesen von Mann und Frau bis in das Wesen Gottes zurückverfolgt. »Die wahre christliche Religion« ist Swedenborgs letztes Werk und die reife Zusammenfassung seiner Theologie für eine neue Kirche.

Der Seher starb am 29. März 1772 in London. Die Magd von Mr. Shearsmith, bei dem er logierte, berichtete, wie er ihr einige Tage vorher den Zeitpunkt seines Todes vorausgesagt habe und zwar so freudig, »als ginge er in die Ferien«.[17] Seit 1908 ruhen seine sterblichen Überreste in einem Sarkophag in der Kathedrale von Uppsala.

3. Ideen und Entdeckungen

3.1. Der Traum vom Fliegen

»Eine Maschine zum Fliegen in der Luft« nannte Emanuel Swedenborg seinen 1716 veröffentlichten Entwurf. Der schwedische Ingenieur ahmte nicht mehr den Vogelflug nach. Stattdessen schlug er einen Hanggleiter vor. Die Royal Aeronautical Society schrieb 1910 in der Juliausgabe ihres Journals: Dies sei »der erste vernünftige Vorschlag für eine fliegende Maschine nach dem Flugzeugtyp«. Und in einer Analyse des Smithsonian National Air and Space Museum aus dem Jahr 1962 heisst es: »Swedenborgs Maschine ist bemerkenswert, weil er sich schon so früh einen Gleiter vorgestellt hat, … der einige Merkmale aufweist, von denen man gemeinhin annimmt, sie seinen erst bei den Erfindern des 19. Jahrhunderts vorhanden.«

Der Kalender der Scandinavian Airlines von 1960 beschreibt das Fluggerät so: »Die Maschine besass einen Stabilisator, einen Steuermechanismus, eine Kanzel für den Piloten, Landungsräder und einen propellerähnlichen Apparat zur Lieferung der Fortbewegungskraft. Die Antriebskraft war sein grösstes Problem, denn er konnte nur auf menschliche Muskeln zählen. Seine Idee war, dass das Flugzeug durch Ziehen mit Seilen starten sollte.« Ein Modell in Originalgrösse wurde 1897 auf diese Weise gestartet. Aus den Akten der Columbia University geht hervor: »Die Maschine erhob sich 15 m hoch und legte 30 m zurück, ehe sie abstürzte, – aber sie war geflogen.« Swedenborg war sich des Risikos bewusst. In der von ihm herausgegebenen Zeitschrift »Daedalus Hyperboreus« kündigte er an, »dass Lehrgeld zu zahlen sei, sobald die erste Probe gemacht werde, und man einen Arm oder ein Bein riskieren müsse.«

3.2 Vergessene Beiträge zur Geschichte der Naturwissenschaften

In seiner »Principia rerum naturalium« veröffentlichte Emanuel Swedenborg 1734 eine Theorie der kleinsten Teilchen. Sie geht von einem ersten natürlichen Punkt aus, der aus reiner Bewegung besteht. Dazu meinte Professor Tansley: »Wenn Bewegung die Grundlage aller Phänomene ist und diese Bewegung das erste Seiende oder der erste Punkt im Sinne Swedenborgs ist, dann hat das zur Folge, dass Energie nicht etwas zur Materie Hinzugefügtes ist, sondern in ihrem Wesen liegt oder sogar Materie ist.«[18] Diese Verbindung von Energie und Materie bekommt vor dem Hintergrund der speziellen Relativitätstheorie Albert Einsteins besonderes Gewicht und lässt den Wert der intuitiven Einsichten Swedenborgs erahnen. Der Physiker Heinrich Schminke meinte daher: »Es ist aus heutiger Sicht fast unvorstellbar, dass ein Mann wie Swedenborg ohne Experimente und entsprechende Hilfsmittel zu solchen Erkenntnissen fähig war.«[19]

Der schwedische Nobelpreisträger Svante Arrhenius nannte fünf kosmologische Ideen, die zuerst von Swedenborg formuliert und dann von anderen Autoren aufgegriffen wurden: 1. »Die Planeten unseres Sonnensystems entstammen der Sonnenmaterie, - aufgegriffen von Buffon, Kant, Laplace und anderen.« 2. »Die Erde wie auch die anderen Planeten haben sich allmählich von der Sonne entfernt und eine längere Umlaufzeit bekommen, - eine Ansicht, die von G. H. Darwin wieder vorgetragen wurde.« 3. »Die Rotationszeit der Erde, also die Dauer des Tages, ist nach und nach länger geworden, - ebenfalls später von G. H. Darwin geäussert.« 4. »Die Sonnen sind im Gebiet der Milchstrasse angeordnet - aufgegriffen von Wright, Kant und Lambert.« 5. »Es gibt noch grössere Systeme, in denen die Milchstrassen integriert sind, - aufgegriffen von Lambert.«[20] Swedenborgs Kosmologie stimmt mit der von Immanuel Kant und Pierre-Simon de Laplace überein. Nur veröffentlichte der schwedische Gelehrte seine Anschauungen schon 1734, während Kants berühmte »Theorie des Himmels« erst 1755 erschien und Laplace seine Nebularhypothese sogar erst 1796 veröffentlichte. Für Arrhenius war es daher »ganz offensichtlich, dass Kant seine Ideen von Swedenborg geborgt und sie in philosophischere Gewänder gekleidet hat.«[21] Und Hans Hoppe forderte: »… so ist es um so mehr Pflicht historischer Gerechtigkeit den Mann nicht zu übersehen, der die Resultate Kants und Laplaces bereits vor ihnen abgeleitet hat: Emanuel Swedenborg!«[22]

Auf der Suche nach der Seele erforschte Swedenborg auch das Gehirn. Dabei wertete er die Entdeckungen von Anatomen seiner Zeit - beispielsweise Govert Bidloo - mit dem ihm eigenen Blick für das Wesentliche aus. Auf diese Weise nahm er einige Grundkonzepte der heutigen Gehirnphysiologie über die integrative Funktion des Nervensystems und die Lokalisation seelischer und körperlicher Funktionen im Gehirn vorweg. Eindrucksvoll ist auch seine Bemerkung: »Die Hypophyse ist die Drüse des Lebens oder die Drüse schlechthin, und ihre Tätigkeit kann man nur beobachten durch die Wirkung auf andere Drüsen.«[23] Der Hirnanhangdrüse mass man erst seit dem 20. Jahrhundert solche Bedeutung bei.

»Swedenborgs Beiträge auf dem Gebiet der Geologie sind von so einer Bedeutung und Reichweite, dass sie allein ausreichen würden, ihm einen ehrenvollen wissenschaftlichen Namen zu sichern.«[24] Zu diesem Urteil kam der Paläontologe und Direktor des Naturhistorischen Reichsmuseums Stockholm Alfred Gabriel Nathorst. Der interessanteste paläontologische Beitrag ist die Zeichnung eines Saurierskeletts. Das Fossil wurde 1733 im Kupferschiefer bei Glücksbrunn im Gebiet von Sachsen-Meiningen gefunden. Swedenborg veröffentlichte es in seinem Werk »De cupro« und bezeichnete das Tier als »felis marina«. Heute weiss man, dass es sich um einen Protosaurus handelt. Swedenborgs Darstellung war die dritte, die in der wissenschaftlichen Welt bekannt wurde.

3.3. Das Gesicht des unsichtbaren Gottes

Vor 2000 Jahren stellte ein Mann namens Jesus die Frage: »Ihr aber, für wen haltet ihr mich?«[25] Oberflächlich betrachtet geht es um die Identität dieses Mannes. In Wahrheit jedoch klärt die Antwort vor allem die eigene Identität. Denn sie macht Menschen zu Christen oder eben nicht. Und auch innerhalb der christlichen Religion hängt die Beschaffenheit der Glaubensgemeinschaften und ihrer Lehren ganz von der Antwort auf diese Frage ab. So erweist sich die Bestimmung der fremden Identität als Aussage über die eigene Identität.

Das gilt auch für die Theologie der neuen Kirche. Sie glaubt an die Gottheit Jesu Christi. Er ist »das Bild des unsichtbaren Gottes«.[26] Er ist der sichtbare Gott, in dem der unsichtbare wohnt wie die Seele im Leib. Dieser Glaube spricht sich besonders offen und klar im Johannesevangelium aus. Dort heisst es am Ende des Prologs: »Niemand hat Gott je gesehen, der einziggeborene Gott aber, der im Schoss des Vaters ruht, der hat ihn uns kundgetan.«[27] Und an anderer Stelle: »Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen.«[28] Jesus ist demnach Gott selbst in menschlicher Gestalt.

Nun wird dieser Jesus aber oft »Sohn Gottes« genannt, so als seien er und sein Vater zwei Personen. Das hat zu der Ansicht geführt, dass Gott schon von Ewigkeit her einen Sohn gehabt haben muss, den er dann vor 2000 Jahren in die Welt gesandt hat. Doch »Sohn Gottes« meint nicht eine zweite göttliche Person von Ewigkeit her, sondern schlicht das durch Maria geborene Menschliche, durch das sich Gott selbst in die Welt gesandt hat. Denn Gott ist dem Wesen und der Person nach einer. Und dieser eine Gott ist Jesus Christus.

Der Mann aus Nazareth war nicht von Anfang an »das Bild des unsichtbaren Gottes«, sondern er musste sich diese hohe Würde erst erkämpfen. Er durchlief eine Entwicklung. Er »nahm zu an Weisheit und Alter und Gunst bei Gott und den Menschen.«[29] Er war schwach, war versuchbar und lernte gleichwohl in alledem den Gehorsam.[30] Deswegen sagte er: »Meine Speise besteht darin, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat und sein Werk vollende.«[31] Diese Speise liess den Mann aus Nazareth zum Kyrios der Christen werden. Jesus verinnerlichte den Willen Gottes so vollständig, dass er diesen schliesslich ganz verkörperte und so die sichtbare Gestalt des unsichtbaren Gottes wurde. Diesen Vorgang nennt das Johannesevangelium die Verherrlichung und meint damit die Vergöttlichung Jesu.

Das Kreuz wurde zum Sinnbild des Christentums. Es ist jedoch ein grundlegender Irrtum zu glauben, das Leiden am Kreuz sei die Erlösung schlechthin gewesen. Stattdessen war es die letzte Versuchung Jesu und das Mittel zur Verherrlichung seines Menschlichen. Am Kreuz entstand nicht die Erlösung, wohl aber der Erlöser. Und am Ostermorgen zeigte er sich. Die Auferstehung war nicht die Wiederbelebung einer Leiche. Der Auferstandene war und ist vielmehr das Gesicht des unsichtbaren Gottes. Matthias Grünewald hat es dargestellt, das Gesicht Jesu, das im heiligen Schein der Gottessonne aufgeht.

3.4. Die Bibel antwortet uns in Bildern

Die historische Forschung hat die menschliche Seite der Bibel und die geschichtlichen Bedingungen ihrer Entstehung sichtbar gemacht. Aber wie steht es mit ihrer göttlichen Seite? Inwiefern ist der überlieferte Glaube berechtigt, die heilige Schrift stamme von Gott, sei von ihm inspiriert und daher heilig?

Im Tempel ist das Allerheiligste immer im Innersten zu suchen. Daher ist auch das Göttliche des Wortes nach alter Tradition im inneren und innersten Sinn zu suchen. Mit der Bibel haben wir einen Schatz in irdischen Gefässen. Ihre Geschichten und nicht selten sehr menschlichen Vorstellungen müssen daher durchschritten und auf ihren göttlichen Sinn hin befragt werden. Denn das Wort ist in Entsprechungen geschrieben. Die frühen Christen lasen es pneumatisch. Im Lichte des noch frischen Christusereignisses entdeckten sie in ihrer heiligen Schrift - wir nennen es heute das Alte Testament - Christus und seinen Weg. Sie entdeckten im geschichtlichen Wort den göttlichen Logos.

Als Beispiel dieses Zugangs seien die bekannten ersten Verse der Genesis ausgelegt: »Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Und die Erde war wüst und leer. Und Finsternis lag auf den Angesichten des Abgrunds. Und der Geist Gottes schwebte über den Angesichten der Wasser. Da sprach Gott: Es werde Licht! Und es wurde Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag, während er die Finsternis Nacht nannte. Und es war Abend, und es war Morgen, der erste Tag.«[32]

Der Anfang bezieht sich im pneumatischen Schriftverständnis auf die erste Zeit der Geburt aus Wasser und Geist oder der Schöpfung des spirituellen Bewusstseins. Himmel und Erde meinen den Menschen. Denn er ist ein Mikrokosmos bestehend aus dem Himmel seines inneren Menschen und der Erde seines äusseren Bewusstseins. Doch das sinnengebundene Weltbewusstsein ist in religiöser Hinsicht zunächst noch gehaltlos und leer. Die belebenden und ordnenden Mächte des Guten und Wahren sind dort noch nicht wirksam sind, so dass es grauenhaft finster in den Abgründen des verborgenen Sinnens und Trachtens zugeht. Unwissenheit, Stumpfsinn und ein völliges Desinteresse an religiösen Dingen herrschen dort. Zwar schwebt der Hauch Gottes schon über den formbaren Gewässern der Seele, aber noch kann er nicht alles belebend in sie eindringen. Das ist die Situation am Anfang.

Doch dann spricht die Gottesmacht im Menschen: »Es werde Licht!« Und so dämmert es dem Weltenbürger allmählich, dass er vielleicht doch für Höheres geschaffen ist. Mitunter nach leidvollen Erfahrungen stellt sich ihm endlich die Frage nach dem Sinn seines Daseins. Dieses erste Bewusstwerden darf nicht wieder in der Finsternis verloren gehen. Deswegen prägt es sich dem Betroffenen als etwas Besonderes ein, getrennt vom austauschbaren Allerlei, und bildet den ersten Tag seines neuen Lebens. Weitere werden folgen bis er wirklich zu einem Ebenbild Gottes herangebildet ist.

3.5 Der Mensch und die Frage nach dem Sinn seines Lebens

Die Erschaffung Adams ist eines der ersten Themen der Bibel: »Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen in unser Bild nach unserer Ähnlichkeit!«[33] Der Mensch kann demnach ein Ebenbild Gottes werden. Er kann Göttliches aufnehmen und in seinem Leben verwirklichen. Damit stellt sich ihm aber die Frage: Wer oder was ist Gott? Wem oder was kann ich als Mensch ähnlich werden? Gott ist seinem Wesen nach ganz Liebe und Weisheit. Demnach ist Adam nur insoweit Mensch als in ihm etwas Liebe und Weisheit zu finden sind. Mensch sein heisst Mensch werden. Denn in den Augen seines Schöpfers und seiner Mitmenschen ist niemand aufgrund seiner äusseren Gestalt ein Mensch. Jeder ist nur aufgrund seiner inneren Gestalt ein wahrer Mensch. Adam soll ein Bild oder Aufnahmegefäss Gottes sein. Das ist die unsterbliche Bestimmung und Würde des sterblichen Menschen.

Der innere und der äussere Mensch sind zu unterscheiden. Durch sein äusseres Wesen und dessen Sinnesorgane bewohnt Adam die natürliche Welt und nimmt ihre Formen und Bilder in sich auf. Durch sein inneres Wesen hingegen befindet er sich schon heute als Geist unter Engeln und Geistern. Intuitionen aus den Tiefen seiner geistigen Welt und Reflexionen erfüllen und begleiten ihn bei all seinen Tätigkeiten in der äusseren Welt.

Das innere Wesen des Menschen ist vielschichtig. Emanuel Swedenborg unterschied die Seele (anima) und die Bewusstseinsprozesse im Gehirn (mens). In der Mentalsphäre (mens) unterschied er die Grundfunktionen des Wollens und des Denkens. Während die Anima das Humanum der göttlichen Liebe und Weisheit noch in seiner ursprünglichen Ganzheit aufnehmen kann, zerfällt es in den Hemisphären des Gehirns in Wollen und Denken. Daher kann Adam im Wissen ein Riese und zugleich in der ethischen Praxis ein Zwerg sein. Doch der Sinn seines Daseins besteht darin, Denken und Wollen in Einklang zu bringen und so entweder ganz ein Engel oder ganz ein Teufel zu werden.

Entscheidet sich Adam für den Weg zur himmlischen Ganzheit, dann erlebt er den Morgen einer neuen Geburt. Jesus sagte: »Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.«[34] Diese Wiedergeburt ist der Prozess der allmählichen Reifung und des Erwachens des inneren Menschen. Gottes Geist ist dabei die treibende Kraft. Doch Adam muss mitwirken. Dazu sind ihm spirituelle Techniken an die Hand gegeben, die je nach Religion und Kultur verschieden sind. Swedenborg empfahl das Meditieren der heiligen Schriften, die Übung des Vertrauens, sinnvolles Tun, Engagement für Religion, Menschlichkeit und Werte sowie die innere Selbstbeschauung. Der Sinn des Lebens aller Geborenen besteht darin, noch einmal, diesmal aber geistig geboren zu werden. Philipp Otto Runge malte diesen neuen Morgen, die Geburt im Licht der Aurora.

Den Menschen gibt es nur als Mann oder Frau. In seinem Werk »Die eheliche Liebe« hat Swedenborg die Dualität der Geschlechter und die Ehe gedeutet. Auch hier zeigt sich: Die Ganzheit Adams ist zerbrochen. Unsere Augen sehen nicht den Menschen, sondern lediglich einen Mann oder eine Frau. Die verlorene Einheit kann jedoch in der ehelichen Liebe wiedergefunden werden. Und dann erweist sich die Ehe als der Ort tiefer, religiöser Erfahrungen.

3.6 Das Leben nach dem Tod

»Ich versank in einen Zustand, der meine körperlichen Sinnesorgane empfindungslos werden liess, also beinahe in den Zustand eines Sterbenden. Doch mein inneres Leben und Denken blieben unversehrt, so dass ich wahrnehmen und im Gedächtnis behalten konnte, was genau geschieht, wenn man von den Toten auferweckt wird.«[35] Dieser ungewöhnliche Erfahrungsbericht steht in »Himmel und Hölle«. Es ist die am meisten übersetzte und gelesene Schrift von Emanuel Swedenborg, den Alfons Rosenberg »einen Fürsten unter den Jenseitskundigen«[36] nannte.

Der Tod ist nicht das Ende, sondern die Geburt in ein anderes Leben: »Wenn der Körper seine Funktionen in der natürlichen Welt nicht länger erfüllen kann … dann sagt man, der Mensch sterbe … Dennoch stirbt nicht der Mensch, sondern er wird nur von seinem Körperlichen getrennt, das ihm in der Welt gedient hat. Der Mensch selbst lebt. Ich sagte, der Mensch selbst, denn er ist nicht Mensch durch seinen Körper, sondern durch seinen Geist, da es ja der Geist ist, der in ihm denkt und das Denken zugleich mit der Neigung den Menschen ausmacht. Hieraus geht hervor, dass der Mensch im Tod nur von der einen Welt in die andere hinübergeht.«[37]

Alle Engel waren einst Menschen, die schon im Leben vor dem Tod die ewigen Werte der Liebe und Weisheit gesucht und somit den Himmel in sich entwickelt hatten. Denn jeder kann nach seinem Tod nur in den Himmel kommen, den er in sich trägt. Das gilt auch für die Hölle. Wer sein Dasein dem Egoismus und der Ausbeutung anderer gewidmet hat, der wird auch nach seinem Tod in dieser Geistesart weiterexistieren, mit ähnlich gesinnten Geistern zusammenkommen und auf diese Weise seine innere Hölle auch äusserlich zu spüren bekommen. Wer hingegen Mitmenschlichkeit gelebt hat, der ist schon auf Erden ein Engel und wird nach seinem Tod die Lichtgestalt der Kinder Gottes annehmen. Himmel und Hölle sind Zustände im Menschen, die jedoch nach dem Tod als geistige Landschaften erlebt werden. Jede Nacht geschieht etwas Vergleichbares in unseren Träumen. Nur sind die jenseitigen Zustandswelten bei weitem klarer und realer. Mit Blick auf diese Jenseitsschau hat der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges zu Recht gesagt: »… von Swedenborg an denkt man in Seelenzuständen und nicht an eine Festsetzung von Belohnungen und Strafen.«[38]

Doch die wenigsten Menschen sterben als ausgereifte Engel oder Teufel. Daher werden sie nach ihrem Tod so geführt, dass sie ihr Inneres allmählich nach aussen kehren und auf diese Weise ihr ewiges Gesicht erst noch formen müssen. Diese Zustände zwischen Himmel und Hölle nennt Swedenborg im Unterschied zur geistigen Welt die Geisterwelt. Und die Ausbildung des himmlischen Gesichtes oder der höllischen Frazte ist das eigentliche Totengericht. Kein fremder Gott wird uns richten, denn jeder hört seinen Richter in der eigenen Brust. Jeder kann ein Engel werden, aber niemand muss ein Engel werden. Jenseits des Grabes fallen alle Masken und jeder Mensch wird wesentlich er selbst.

3.7. Die Vision von einer Krone aller Kirchen

Der Seher von Patmos hatte die Vision von der Herabkunft einer Stadt aus dem Himmel: »Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, aus dem Himmel von Gott herabkommen, bereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut.«[39] Buchstäblich wird sich diese Schau nicht erfüllen. Im geistigen Sinn aber bedeuten Städte gedankliche Strukturen, in denen unser Geist zu Hause ist und sich bewegt. Lehrsysteme, Weltanschauungen, Philosophien, religiöse Sinnangebote sind solche Städte. Jerusalem war in neutestamentlicher Zeit die Stadt des Jahwetempels, die Stadt Gottes, und ist bis heute ein Brennpunkt der Religionen geblieben. Die heilige Stadt aus dem Himmel ist daher das Bild für eine neue Licht- und Lebenslehre, geoffenbart von oben, von Gott aus dem Himmel.

Das Neue Testament spricht auch von der Wiederkunft Christi: »… sie werden den Menschensohn kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit grosser Macht und Herrlichkeit.«[40] Auch diese Verheissung muss geistig gedeutet werden. Die Wolken des Himmels sind ein Bild für die heiligen Schriften, und die neue Offenbarung Christi in diesen Wolken bedeutet, dass man in den alten Überlieferungen einen inneren Sinn entdecken wird, der sich auf das spirituelle Wachstum beziehen und das Christentum zu einer geistigen Religion umgestalten wird.

Emanuel Swedenborg beobachtete in der geistigen Welt das Gericht über das bisherige Kirchenwesen. Seine Schilderungen schloss er mit einer Prophezeiung über die Zukunft des konfessionellen Kirchentums ab: »Äusserlich betrachtet werden die Kirchen weiterhin gespalten sein und ihre Dogmen wie zuvor verkünden … Aber der Mensch der Kirche wird nachher freier sein, über die Angebote des Glaubens, die spirituellen Antworten des Himmels nachzudenken … Ich sprach mit den Engeln über den Zustand der Kirche nach dem Gericht. Sie sagten, dass sie die Zukunft nicht vorhersehen können, das könne nur der Herr, aber soviel wüssten sie, die geistige Sklaverei und Knebelung, in der sich die Menschen der Kirche bisher befanden, sei nun aufgehoben, so dass man das innere Wahre besser wahrnehmen und innerlicher werden könne, sofern man nur wolle, denn die Freiheit sei nun wieder hergestellt.«[41]

Die Kirche der inneren Freiheit und des Lichtes nannte Swedenborg »neue Kirche«. In seinen Werken beschrieb er die Tempel in der geistigen Welt. Kompositionen aus Licht seien sie. Eines Tages erschien ihm auch die »nova ecclesia«. Ihre Wände bestanden aus zusammenhängenden Fenstern von Kristall. Im Inneren lag das Wort geöffnet und von einer Lichtsphäre umgeben: »Als ich dann nähertrat, sah ich eine Inschrift über dem Tor: NUNC LICET. Das bedeutete, dass es nun erlaubt sei, mit Verstand in die Geheimnisse des Glaubens einzutreten.«[42] »Diese neue Kirche ist die Krone aller Kirchen, die es bisher auf Erden gab.«[43]

3.8. Das Parlament der Religionen

Swedenborgs Ideen regten Charles Bonney an, ein Parlament der Religionen ins Leben zu rufen. Es tagte 1893 in Chicago im Rahmen der Weltausstellung und gilt heute als der Beginn des interreligiösen Dialogs. Zum 100. Jahrestag 1993 nahm dieses wieder in Chicago versammelte Parlament eine »Erklärung zum Weltethos« an. Ohne die Unterschiede in den Lehren der Religionen verwischen zu wollen, geht sie von einem gemeinsamen Bestand an Werten aus, welche die Grundlage für ein Weltethos bilden sollen.

Schon Emanuel Swedenborg sah das Wesentliche der Religionen im Tun des Guten: »Alle Religion ist eine Angelegenheit des Lebens, und ihr Leben besteht im Tun des Guten.«[44] Die Einheit der Religionen sollte nicht in der Vereinheitlichung ihrer Lehren gesucht werden. Das Christentum wird im Weltparlament der Religionen den Glauben an die Gottheit Jesu und sein Werk der Erlösung zur Sprache bringen. Und dieser Glaube wird wohl auch in diesem Parlament nicht ungeteilte Zustimmung finden. Doch der Glaube allein macht nicht selig. Denn das Wesentliche der Religionen besteht im Tun des Guten. Und in diesem Tun können wir uns trotz unterschiedlicher Lehren als die Kinder eines Gottes erleben. Alle Religionen sind Wege zu Gott und somit kann jeder Mensch selig werden, der seine Religion zu einer Sache seines Lebens macht: »Die göttliche Vorsehung des Herrn hat dafür gesorgt, dass jedes Volk eine Religion hat.«[45] »Die Anerkennung eines Gottes und das Nichttun des Bösen, weil es gegen Gott ist, das sind die beiden wesentlichen Momente, die eine Religion zu einer Religion machen.«[46]

Auch die Christen untereinander sind gespalten, weil den Glaubensgemeinschaften die Reinhaltung ihrer Lehren wichtiger ist, als die Reinigung ihrer Herzen: »In der Christenheit unterscheiden sich die Kirchen nach ihren Lehren. Daher nennen sie sich römisch-katholische, lutherische, calvinische oder reformierte und evangelische Kirche usw. Man nennt sie so lediglich aufgrund ihrer Dogmen und Bekenntnisschriften. Ganz anders verhielte es sich, wenn man die Gottes- und Nächstenliebe zur Hauptsache des Glaubens machen würde. Dann nämlich wären die Lehren nur noch verschiedene Meinungen in den Geheimnissen des Glaubens. Und die wahren Christen würden sie dem Gewissen jedes einzelnen überlassen und in ihrem Herzen sagen: Ein wahrer Christ ist ohnehin nur, wer christlich, nämlich wie es der Herr gelehrt hat, lebt. So würde aus den verschiedenen Kirchen eine einzige entstehen. All die Streitigkeiten, die nur aus der Lehre hervorgehen, würden verschwinden. Ja, der gegenseitige Hass würde sofort aufhören und das Reich des Herrn könnte auf Erden Wirklichkeit werden.«[47]

Quellennachweise

[1] In den »Frankfurter Anzeigen« am Schluss der Rezension von Lavaters »Aussichten in die Ewigkeit« schrieb Goethe 1773: »Dazu wünschen wir ihm (Lavater) innige Gemeinschaft mit dem gewürdigten Seher unserer Zeiten, rings um den die Freude des Himmels war, zu dem Geister durch alle Sinnen und Glieder sprachen, in dessen Busen die Engel wohnten ...«.

[2] Kant bezieht sich hier auf das exegetische Hauptwerk Swedenborgs »Arcana Caelestia«. Siehe Träume eines Geistersehers, 1766.

[3] »Man muß den schwedischen Naturforscher und Seher Emanuel Swedenborg … geradezu einen Fürsten unter den Jenseitskundigen der nachreformatorischen Zeit nennen.« (Alfons Rosenberg, Die Seelenreise, 1952, Seite 152).

[4] Karl Leonhard, Bedeutende Persönlichkeiten in ihren psychischen Krankheiten, 1992, Seite 264

[5] Brief von Anton von Webern an Arnold Schönberg vom 30. Oktober 1913

[6] Die Neue Kirche: Monatblätter für fortschrittliches religiöses Denken und Leben, September 1947, Seite 86

[7] Rudolf Leonhard Tafel »Documents Concerning the Life and Character of Emanuel Swedenborg« 1890 Band 2 Seite 279

[8] Ebenda 1875 Band 1 Seite 208

[9] Rudolf Leonhard Tafel »Documents Concerning the Life and Charakter of Emanuel Swedenborg« 1890 Band 2 Seite 408

[10] Emanuel Swedenborg »Das geistige Tagebuch« Nummer 3464

[11] Emanuel Swedenborg »Oeconomia regni animalis« Nummer 19

[12] Emanuel Swedenborg »Traumtagebuch 1743 - 1744« 1978 Seite 18

[13] Ernst Benz »Emanuel Swedenborg: Naturforscher und Seher« 1969 Seite 207f

[14] Honoré de Balzac in »Louis Lambert«

[15] Brief von Immanuel Kant an Charlotte von Knobloch vom 10. August 1763

[16] Helen Keller »Light in my Darkness« 2000 Seite 144

[17] Rudolf Leonhard Tafel »Documents Concerning the Life and Character of Emanuel Swedenborg« 1890 Band 2 Seite 546

[18] »Transactions of the International Swedenborg Congress« 1910 Seite 75

[19] Heinrich Schminke »Emanuel Swedenborgs naturwissenschaftliche Studien als Vorstufe zum physikalischen Feldbegriff« in: »Emanuel Swedenborg 1688 – 1772: Naturforscher und Kundiger der Überwelt« bearbeitet von Horst Bergmann und Eberhard Zwink 1988 Seite 29

[20] Svante Arrhenius »Emanuel Swedenborg as a Cosmologist« in: »Emanuel Swedenborg: Opera quaedam aut inedita aut obsoleta de rebus naturalibus« Band II: »Cosmologica« 1908 Seite XXX

[21] Ebenda Seite XXXIII

[22] Hans Hoppe »Die Kosmogonie Emanuel Swedenborgs und die Kantsche und Laplacesche Theorie« in: »Emanuel Swedenborg 1688 – 1772: Naturforscher und Kundiger der Überwelt« bearbeitet von Horst Bergmann und Eberhard Zwink 1988 Seite 38

[23] T. H. Schwedenberg »Die Swedenborg-Manuskripte: eine vergessene Einleitung in die Gehirn­physiologie« in: »Emanuel Swedenborg 1688 – 1772: Naturforscher und Kundiger der Überwelt« bearbeitet von Horst Bergmann und Eberhard Zwink 1988 Seite 41

[24] Alfred G. Nathorst »Emanuel Swedenborg as a Geologist« in: »Emanuel Swedenborg: Opera quaedam aut inedita aut obsoleta de rebus naturalibus« Band I: »Geologica et Epistolae« 1907 Seite XLIX

[25] Matthäus 16,15

[26] Kolosser 1,15

[27] Johannes 1,18

[28] Johannes 14,9

[29] Lukas 2,52

[30] Hebräer 5,8

[31] Johannes 4,34

[32] Genesis 1,1–5

[33] Genesis 1,26

[34] Johannes 3,3 und ähnlich 3,5

[35] Emanuel Swedenborg »Himmel und Hölle« Nummer 449

[36] Alfons Rosenberg »Die Seelenreise« 1952 Seite 152

[37] Emanuel Swedenborg »Himmel und Hölle« Nummer 445

[38] Jorge Luis Borges »Das Buch von Himmel und Hölle« 1983 Seite 9

[39] Offenbarung 21,2

[40] Matthäus 24,30

[41] Emanuel Swedenborg »Das jüngste Gericht« Nummer 73f

[42] Emanuel Swedenborg »Die wahre christliche Religion« Nummer 508

[43] Emanuel Swedenborg »Die wahre christliche Religion« Nummer 786

[44] Emanuel Swedenborg »Die Lebenslehre« Nummer 1

[45] Emanuel Swedenborg »Die göttliche Vorsehung« Nummer 322

[46] Ebenda Nummer 326

[47] Emanuel Swedenborg »Die himmlischen Geheimnisse« Nummer 1799