Unterstützt mit Geldern der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) untersucht eine Forschergruppe am Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA) »die Aufklärung im Bezugsfeld neuzeitlicher Esoterik«. Zu diesem Forschungsvorhaben gehören fünf Projekte. Das Teilprojekt 3 untersucht »Emanuel Swedenborgs Stellung innerhalb der aufklärerischen und esoterischen Diskurse des 18. Jahrhunderts«. Es wird von Friedemann Stengel und Michael Bergunder geleitet.
In der Projektbeschreibung heißt es:
»Emanuel Swedenborg (1688-1772) war einer der führenden Naturforscher des 18. Jahrhunderts, dessen wissenschaftliche Publikationen unter anderem mathematisch-physikalischer, mineralogischer und philosophischer Natur in der zeitgenössischen aufklärerischen Gelehrtenwelt europaweit Beachtung fanden. Mit 56 Jahren hatte Swedenborg zwei Christusvisionen, in deren Folge er seine bisherigen Forschungen abbrach und sich nun fast ausschließlich nur noch mit theologischen Fragestellungen befaßte, verbunden mit der Vision eines intensiven Kontakts mit der Geisterwelt.
Das gewaltige Schrifttum, das hieraus entstand, wurde schon im 18. Jahrhundert stark rezipiert, etwa von Friedrich Christoph Oetinger, Johann Caspar Lavater und Johann Wolfgang von Goethe, wenngleich das Verdikt Immanuel Kants über Swedenborg eine ebenso nachhaltige Wirkung nach sich zog. Für die esoterische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts besaß Swedenborg eine geradezu fundamentale Bedeutung. Bei der Entstehung des neuzeitlichen Okkultismus wird ihm die Rolle eines Geburtshelfers zugesprochen. Swedenborg markiert offenbar nicht nur einen Paradigmenwechsel innerhalb der Geschichte der Esoterik. Möglicherweise zeigt sich bei ihm erstmals der spezifisch ›esoterische‹ Versuch, das sich zuspitzende Verhältnis zwischen Theologie und Naturwissenschaft, zwischen Glaube und Vernunft, durch okkulte Jenseitsschau neu zu bestimmen.
Trotz einer umfangreichen Beschäftigung von Wissenschaftlern und Anhängern mit seinem Werk steht die angemessene Einordnung Swedenborgs in die Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts noch aus. So hat die Swedenborg-Forschung bisher nur ansatzweise geklärt, welche Rolle Swedenborg im zeitgenössischen esoterischen Diskurs spielte und aus welchen esoterischen Traditonen er schöpfte. Dies betrifft auch sein Verhältnis zur Aufklärung und deren Vertretern, mit denen er wenigstens in seiner vorvisionären Phase in Kontakt stand. Aber auch der aufklärerische Diskurs über Swedenborg als Geisterseher wird betrachtet. Hat die auf Kant zurückgehende Ablehnung speziell ihm und seiner visionären Weltsicht gegenüber nicht nur zur Trennung der Aufklärung von der Esoterik, sondern umgekehrt auch zur Entwicklung des aufklärerischen Rationalitätsbegriffs selbst geführt oder wenigstens dazu beigetragen? Dementsprechend wird auch zu fragen sein, wie sich Swedenborgs eigene Denkstrukturen in seinem naturwissenschaftlichen und theologisch-visionären Werk zueinander verhalten und ob hier tatsächlich der bisher vermutete scharfe Bruch vorhanden ist. Kann man im Falle Swedenborgs von ›aufgeklärter Esoterik‹ sprechen? Schließlich wird Swedenborg in die Theologie- und Kirchengeschichte des 18. Jahrhunderts einzuordnen sein. Nicht nur sein Werk wurde in pietistischen Kreisen positiv rezipiert, er selbst hat in den theologischen Auseinandersetzungen seiner Zeit markante Positionen bezogen und ist trotz mancher Konflikte immer Glied der schwedischen lutherischen Staatskirche geblieben.
Diese verschiedenen Perspektiven müssen zusammengeführt werden, um Swedenborg diskursiv in seiner Zeit zu verorten und zudem der Frage nachzugehen, ob sich in seiner Person und in der Reaktion seiner Zeitgenossen auf ihn ein Beleg für die These findet, daß die neuzeitliche Esoterik ein (Neben-) Produkt der Aufklärung selbst ist.«
Förderung seit 2004