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250 Jahre »Himmel und Hölle«

Swedenborgs »Himmel und Hölle«: Strömungen seines Einflusses

2008 jährt sich der Erscheinungstag von »Himmel und Hölle« zum 250. Mal. Das Buch wurde seit seinem ersten Erscheinen ständig neu aufgelegt - ein seltener Erfolg und ein Zeugnis für die beständige Kraft von Swedenborgs Vision des Lebens nach dem Tode. In diesem Artikel verfolgen wir den Einfluss von »Himmel und Hölle« im Laufe der Generationen.

1758 reiste Emanuel Swedenborg nach London zur Überwachung des Drucks seiner fünf neuen Bücher: »Das Neue Jerusalem«, »Das Jüngste Gericht«, »Das Weisse Pferd«, »Erdkörper im Weltall« sowie »Himmel und Hölle«. Im Gegensatz zu »Himmlische Geheimnisse« - dem Hauptwerk Swedenborgs über die innere Bedeutung der Bücher Genesis und Exodus, das er einige Jahre zuvor vollendet hatte - waren diese neuen Bücher kurz und für ein breiteres Publikum gedacht. Einem von ihnen war es bestimmt, Swedenborg internationale Aufmerksamkeit zu verleihen.

»De Coelo et Ejus Mirabilibus, et de Inferno, ex Auditis et Visis«, auf Deutsch unter dem Titel »Himmel und Hölle« bekannt, gab eine ausführliche Beschreibung dessen, was die Menschen nach dem Tod erwartet, wie die Seelen ihren Weg entweder in den Himmel oder in die Hölle finden und wie Engel und Teufel leben. Während »Himmlische Geheimnisse« die biblische Auslegung in einer Weise beschrieb, dass das Werk für gewisse Laien anfechtbar wurde, war »Himmel und Hölle« in einer zielgerichteten Sprache verfasst und enthielt wenige Bezüge auf die Schrift. Sie könnte ein Versuch seitens Swedenborgs gewesen sein, ein breiteres Publikum zu erreichen - ein Versuch, der schliesslich Erfolg hatte.

»Himmel und Hölle« führte einige von Swedenborgs Kernoffenbarungen ein: Dass die Erde den Grund für die Seele bereitet, dass auf der Erde geschlossene Ehen im Himmel weiterdauern können und dass sich die Menschen aufgrund ihrer herrschenden Liebe, je nachdem, ob diese dem selbstlosen Wunsch des Dienens oder einer selbstsüchtigen Besessenheit nach irdischen Vergnügungen entsprang, in Richtung Himmel oder Hölle entwickeln. Ausgehend von der Theologie jener Zeit versichert das Buch, dass die Menschen aller Glaubensrichtungen in den Himmel kommen können und sogar ungetaufte Kinder nach dem Tode dahin gelangen.

Die erste Auflage von »Himmel und Hölle« umfasste lediglich 1000 Kopien, die international verteilt wurden. Die erste englische Übersetzung erschien erst zwanzig Jahre später im Jahre 1778, als der britische Industrielle William Cookworthy (1705-1780) und Vikar Thomas Hartley (1709-1784) gemeinsam an der Übersetzung mitwirkten und die Publikation einer »Abhandlung über Himmel und Hölle« sponserten.

Kurz nach der Publikation dieser englischen Übersetzung befeuerten Aktivitäten auf beiden Seiten des Atlantiks die Verbreitung und Popularisierung von Swedenborgs Ideen.

1782 lieh sich ein junger Drucker namens Robert Hindmarsh (1759-1835) zwei Bücher Swedenborgs aus. Eines davon ist als »Der Verkehr zwischen Seele und Körper« bekannt und beim anderen handelte es sich um die englische Ausgabe von »Himmel und Hölle«. Hindmarsh konvertierte unverzüglich und gründete zwei Jahre später die erste Swedenborg-Gesellschaft in England. Während die Gesellschaft einige Jahre später aufgelöst wurde, führte Hindmarsh einige Mitglieder der ursprünglichen Gruppe und begründete mit ihr eine eigene Kirche, die am 27. Januar 1788 ihren ersten Gottesdienst abhielt. Dieser Gottesdienst bedeutete den Beginn der Kirche des Neuen Jerusalems.

»Himmel und Hölle« gelangte mit dem Schotten James Glen (?-1814), der zur Verbreitung von Swedenborgs Botschaft die neu gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika bereiste, über den Atlantik. Am 5. Juni 1784 hielt er in einem Buchladen in Philadelphia die erste öffentliche Lesung der Nation über Swedenborg. Unter den Teilnehmern befand sich Francis Bailey (1735?-1815), welcher der erste Verleger von Swedenborgs Werken in Amerika wurde. Ein anderer war der Jurist John Young (1762-1840), welcher später ein Exemplar von »Himmel und Hölle« John »Appleseed« Chapman (1774-1845) übergab.

Johnny Appleseed pflanzte Apfelbaumschulen in der gesamten Grenzregion und trug, wo immer er hinging ein Exemplar von »Himmel und Hölle« bei sich. Er verteilte Seiten des Buches in Siedlungen quer durch Ohio, Kentucky, Indiana, Illinois und Missouri und es wurde erzählt, dass er jedes Mal, wenn er eine neue Stadt betrat, die Worte ausrief: »Gottes neueste Nachrichten frisch vom Himmel!«

Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts hatte Swedenborgs Gedankengut die intellektuelle und künstlerische Kultur des Westens durchdrungen und kein Werk war besser bekannt, als »Himmel und Hölle«.

Swedenborgs Schriften wurden zur Geburtsstunde der romantischen Bewegung publiziert und seine visionären Erfahrungen erfassten die Gedankenwelt der bedeutendsten Schriftsteller jener Zeit. Einer der ersten war William Blake (1757-1857), der die Schriften Swedenborgs im Alter von etwas über 20 Jahren studierte und 1789 an der Hauptversammlung in England teilnahm. Er widersetzte sich der Doktrin der jungen Kirche und verwarf schliesslich Swedenborgs Lehren. Blakes Werk »Die Vermählung von Himmel und Hölle« ist teilweise eine Parodie von Swedenborgs Ideen, insbesondere seine Beschreibung von Himmel und Hölle. Das Buch weist Swedenborg mit den Worten zurück: »Hören Sie jetzt eine vollkommene Tatsache: Swedenborg hat nicht eine einzige Wahrheit geschrieben. Und hören Sie jetzt eine andere Tatsache: Er hat all die alten Falschheiten wiedergegeben.«

Trotz dieser heftigen Worte blieb Swedenborgs Einfluss durch Blakes späteres Werk hindurch bedeutsam und stand Blake im Kontakt mit bedeutenden Führern der Neuen Kirche jener Zeit, wobei einige von ihnen ihn als treuen Swedenborgianer betrachteten.

Andere von Swedenborg beeinflusste, romantische Schriftsteller waren Samuel Taylor Coleridge (1772-1834), der als einer der Begründer der Romantik in England galt und der sagte, dass »Swedenborg als Moralist über allem Lob stünde« sowie der deutsche Romanschriftsteller Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), der Swedenborg als den »gewürdigten Seher unserer Zeiten« bezeichnete.

Doch der Einfluss von »Himmel und Hölle« war weit über das Gebiet der Literatur hinaus spürbar und er dauert sogar bis in die Moderne fort. Eine der möglicherweise eindrücklichsten visuellen Darstellungen swedenborgischen Gedankengutes war wohl die Kolumbianische Weltausstellung - die Weltausstellung von 1893 in Chicago.

Das Herzstück der Kolumbianischen Weltausstellung war die Weisse Stadt, das Geistesprodukt des swedenborgianischen Architekten Daniel Burnham (1846-1912). Die Weisse Stadt wurde so genannt, weil ihre neoklassizistischen Gebäude aus weisser Stuckatur bestanden und die Strassen nachts elektrisch beleuchtet wurden, was dazu führte, dass das gesamte Gebiet aus dem düsteren Hintergrund Chicagos herausleuchtete. Obwohl dies die meisten Besucher nicht wussten, reflektierte der Gesamtplan der Weissen Stadt die Struktur des in »Himmel und Hölle« beschriebenen Neuen Jerusalems. Die Weisse Stadt vermittelte den Besuchern eine Vision dessen, wie die urbane Landschaft aussehen könnte, und dieses Potential wurde in Burnhams Projekt von 1909 mit dem Titel »Der Plan von Chicago« umgesetzt.

Burnhams Plan, wie er bekannt wurde, umfasste eine ambitiöse Neugestaltung des Zentrums von Chicago. Der von der Beschreibung der drei aus der Gottheit ausstrahlenden Himmeln (dem himmlischen, dem geistigen und dem irdischen) in »Himmel und Hölle« inspirierte Plan verlangte eine Stadt, die in drei konzentrischen Kreisen angeordnet war.

Im innersten dieser drei konzentrischen Kreise, direkt nach dem politischen Herz der Stadt, befand sich die Elite des Bank-, Finanz- und Geschäftsbereichs. Der zweite Ring wurde als intellektuelles Zentrum entworfen, welches Museen und Bibliotheken enthielt. Der äusserste Ring umfasste den Kern der Wohnzone. Jede Zone verfügte über eine runde Abgrenzung, worin Strassen in einem rechtwinkligen Muster und Gebäude in einheitlicher Höhe angeordnet waren, wiederum in Befolgung der Beschreibungen und Konzepte aus »Himmel und Hölle«.

Der Plan wurde im Auftrag einer Kommission staatlicher Führer entwickelt, gesetzlich angenommen und 1909 in Praxis umgesetzt. Während die Realität mit Burnhams Originalentwurf nie völlig übereinstimmte, folgt die Stadt grundsätzlich dem Plan, insbesondere, was die Platzierung der wichtigsten Museen und die Entwicklung des Hafengebiets anbelangt.

Swedenborgs literarischer Einfluss endete jedoch nicht im neunzehnten Jahrhundert. Der Dichter Edwin Markham (1852-1940) sagte einmal anlässlich einer öffentlichen Lesung, dass »Himmel und Hölle« »ein einmaliges Werk der Weltliteratur wäre. Damit sei [Swedenborg] berufen, neue Wahrheiten für das Neue Zeitalter zu offenbaren.«

Der literarische und philosophische Gigant Jorge Luis Borges (1899-1986) schrieb über das Werk: »Anders als der von anderen Sehern beschriebene Himmel, ist Swedenborgs Himmel präziser als die Erde.«

Grosse Werke der Literatur und Kunst sind ein dauerhaftes Erbe von Swedenborgs Einfluss, aber das wohl bedeutendste Vermächtnis von »Himmel und Hölle« ist die Zahl der Menschen, deren Glaube es beeinflusste. Ein gut bekanntes Beispiel ist Helen Keller.

1893 im Alter von dreizehn Jahren machte Keller die Bekanntschaft von John Hitz, dem Schweizer Generalkonsul in Washington D. C. Er gab ihr ein Exemplar von »Himmel und Hölle« in Blindenschrift.

»Ich wünschte, ich könnte die himmlische Erleuchtung ausstrahlen, die über mich kam, als ich mit meinen eigenen Fingern ›Himmel und Hölle‹ las«, schrieb sie in »Licht im Dunkel« einer spirituellen Autobiographie. »Alle Tage meines Lebens haben seither die ›Lehre bewiesen‹ und sie für wahr befunden.«

Während der vergangenen 250 Jahre befanden Generationen von Menschen »Himmel und Hölle« als eine segnende Wahrheit. 

2008